Vor einigen Tagen machte die Suchtberatung Klagenfurt auf einen weiteren Kollateralschaden der Pandemie aufmerksam: „Jeden Tag verbringen viele Kinder und Jugendliche in der virtuellen Welt. Vor allem sind es junge Burschen, sagte die Suchtberaterin Sandra Brunner. Der jüngste Klient sei acht Jahre alt, hier gehe es um das Spielen am Handy. Der älteste sei 36, aber die meisten seien zwischen 14 und 25.“

Wahrscheinlich haben auch Sie sich schon öfter gefragt, wieviel Handyzeit, Scrollen durch die sozialen Medien oder Computerspielen noch normal ist. Klarerweise war es in den letzten Monaten schwer, dieses Verhalten zu hinterfragen und zu begrenzen: Zeit, die für die Schule hinter dem Computer verbracht wurde, ging - teilweise auch unbemerkt - in Freizeit über. Das Chatten mit den Freunden ersetzte normale soziale Kontakte, war insofern auch durchaus nötig und wünschenswert.
Was aber, wenn dieses Verhalten sich auch unter halbwegs „normalen“ Bedingungen jetzt nicht mehr ändert, wenn die Kinder in dieser virtuellen Welt verharren, anstatt zurück in die reale zu kommen?
Während Burschen häufiger von Computerspielen fasziniert sind, tendieren Mädchen eher zur übermäßigen Nutzung der sozialen Netzwerke. Computerspiele sind eher auf Burschen zugeschnitten, vor allem die momentan beliebten „Battle Royale“ Spiele, wie Fortnite, die sich durch Wettkämpfe und kriegerische Elemente auszeichnen.[1]
Wie kommt es dazu und was macht digitale Medien so attraktiv? Auch vor der Pandemie gab es viele Faktoren, wie die fortschreitende Urbanisierung, die Wohnraumgestaltung in Form von Hochhäusern und Straßen, die ein selbstständiges Bewegen in der Freizeit für Kinder zusehends schwieriger machten. Dazu kamen noch besorgte Eltern, beruflich bedingter Zeitmangel und eine starke Betonung der kognitiven Förderung und der daraus resultierende Bewegungsmangel. Vom Italienischkurs für 4-jährige bis zum Geigenspiel, strukturierte Freizeitangebote lassen kaum Platz für Neugier und kreative Entwicklung. Während die freie Bewegung in der Natur die kinästhetischen Eigenwahrnehmung, also das Bewegungsempfindung, unterstützt, wird durch Fernsehen, Computerspielen und Handynutzung ausschließlich die auditive und visuelle Wahrnehmung angeregt: Aus all dem resultiert eine ständige Reizüberflutung in Kombination mit eingeschränkten Handlungs- und Bewegungsmöglichkeiten. Die Folgen davon sind Störungen der Wahrnehmungsverarbeitung und des Verhaltens.
Auch die Persönlichkeit des Kindes spielt eine Rolle: Besonders introvertierte Kinder, die im „echten“ Leben leicht überfordert und emotional eher labil sind und eine negative Selbstwahrnehmung haben, sehen in den Avataren eine Möglichkeit, jemand anders zu sein und fühlen sich in den klaren Regeln der sicheren und strukturierten Online-Welt wohl. Sie bietet ihnen auch die Möglichkeit, indirekte soziale Kontakte zu haben, die sich, wenn es unangenehm wird, ganz einfach wegklicken lassen.
Aber wann müssen Sie sich Sorgen machen? Die ICD-11 Klassifikation (WHO, 2018) gibt konkrete Anhaltspunkte, ab wann die Alarmglocken schrillen sollten: Einerseits ist es der Kontrollverlust des Spielverhaltens, also die eigenständige Entscheidung wann und wie lange man spielt. Dazu kommt, dass das Spielen wichtiger als alles andere wird, wichtiger als Familie, Freunde, andere Hobbies. Auch wenn Ihr Kind trotz angedrohter Strafen, Schlafmangel und Irritationen im Freundeskreis (heimlich) weiterspielt, wird es Zeit, genauer hinzuschauen. In Richtung Sucht geht es, wenn dieses Verhalten länger als ein Jahr unverändert andauert und sich weitere Symptome wie psychosomatische Auswirkungen, Zwanghaftigkeit, Unsicherheit im Sozialkontakt, Depressivität, Ängstlichkeit und Aggressivität bemerkbar machen. Nicht zuletzt entstehen daraus Krankheiten mit psychosomatischen Wurzeln: Allergien, Kopfschmerzen, Nervosität.[2]
Was können Sie tun, damit es nicht so weit kommt? Schauen Sie auf die Altersfreigaben, stellen Sie klare Regeln bezüglich der Spieldauer und Spielzeit auf - völliges Verbieten funktioniert nicht. Wie bei Naschereien gilt auch hier, dass man das Spielen nicht als Belohnung oder Strafe einsetzen sollte, um eine emotionale Aufladung zu verhindern. Reden Sie mit ihrem Kind über die Inhalte des Spiels, nehmen Sie Anteil. Achten Sie darauf, dass es genügend Schlaf bekommt (keine Medien im Kinderzimmer), essen Sie gemeinsam.[3]
Setzen Sie die Geheimwaffe ein: Sport ist ein Schutzfaktor! Er erzeugt Wohlbefinden, unterstützt die kindlichen Entwicklungsprozesse, dient der Gesundheit. Er erhöht die Belastbarkeit, hilft beim Spannungsabbau, senkt das Aggressionsniveau und versbessert das Selbstbild und das Körperbild. Er reduziert riskante Verhaltensweisen und erhöht – im Teamsport – die soziale Kompetenz.
Ihr Kind hat kein Interesse an Sport? Sie wissen nicht, womit Sie anfangen sollen? Die Brücke zwischen dem geliebten Computerspiel und der Realität kann computerspielunterstützter Sport sein. Wenn Sie das Lieblingsgadget ihres Kindes als Vehikel für Bewegung nützen, kann das die Angst vor dem Loslassen verringern und die Offenheit für Neues unterstützen – homöopathische Dosen zur Heilung. Anregungen dazu finden Sie bei den Projekten von motion4kids! Viel Spaß beim Ausprobieren!
Mag. Barbara Fisa, MPH, studierte erst Handelswissenschaften bevor sie ihre Leidenschaft für Sport, gesunde Ernährung und Entspannung zu Public Health brachte. Sie versteht sich als Vermittlerin von Wissenschaft, ist Beraterin, Keynote-Speakerin und Autorin („Raus aus der Pflegefalle“ gemeinsam mit Prof. Dr. Bachl und Dr. Biach im Springer Verlag). Sie arbeitet an Systemen zur Bewegungsförderung für Menschen nach der Pensionierung, dem „Best-Agers-Bonuspass“, und berät die Stiftung motion4Kids. Nähere Informationen unter thehealthychoice.at
[1] Müller, K. (2013). Spielwiese Internet. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.
[2] https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/content/titleinfo/3758536/full.pdf
[3] https://www.gamers-health.com/ „Minderjährige und Computerspiele“, 21. August 2019